Unkraut

Oft muss ich über menschlich geformte Worte herzlich lachen – Unkraut ist eines davon. Ein Kraut ist also kein Kraut, sprich ein Unkraut, nur, weil es sich der menschlichen Kontrolle entzieht. Weil es nicht macht, was wir wollen, wird es zum Unding.

Es gibt viele Dinge, die zu Undingen wurden, weil sie nicht kontrollierbar sind. Der Schmerz. Der Tod. Die Krankheit. Am liebsten würden die meisten Menschen wohl all dies zunichte machen, wie das Unkraut, das ihren Garten befleckt. Wie schade, dass sie ihre grössten Lehrmeister so arg verkennen. Dank dem Tod weiss ich, wie man loslässt. Dank der Krankheit weiss ich, wie man kämpft. Dank dem Schmerz weiss ich, wie man akzeptiert. Dank dem Unkraut weiss ich, dass die Natur perfekt ist, genau so, wie sie ist, und ich zu klein bin, um ihr Wesen ganz zu erfassen.

Meine Freundin Sara hatte in den letzten Jahren immer wieder mit einer chronischen Blasenentzündung zu kämpfen. Gleichzeitig klagte sie ständig über die Brennesseln, die ihren Gemüsegarten überwucherten – noch nie hätte sie Brennesseln in der Nähe ihres Hauses gesehen. Eines Tages las ich einen Beitrag von Wolf-Dieter Storl zum Thema Unkraut, und nachdem ich das darin Gesagte durch Nachschlagen der Heilwirkung der Brennessel verifiziert hatte, rief ich umgehend Sara an: „Sara, geh sofort raus in deinen Garten und pflücke deine Brennesseln. Koch dir Tee aus ihnen und lass mich in einigen Tagen wissen, wie es deiner Blase geht. Laut Storl wächst das Heilmittel für eine menschliche Erkrankung immer in dessen nächstem Umfeld, und wird oft für wucherndes Unkraut gehalten.“ – Es verging keine Woche, bis Sara mir meldete, dass ihre Blasenentzündung verschwunden sei. Heute ist sie entzündungs- und ihr Garten wieder brennesselfrei.

Jeder soll aus dieser Erfahrung ziehen, was er für wichtig erachtet; keine Realität ist definitiv. Für mich war diese Erfahrung der Beweis dafür, dass wir Menschen oft vorverurteilen und daraufhin versuchen zu verändern, was ist, anstatt dass wir erst für einen Moment akzeptieren, wie etwas ist, es uns genauer ansehen und uns so einige Umwege ersparen. In der heutigen Zeit gibt es viele Menschen, die nach Erleuchtung streben, dabei aber einen viel weiteren Umweg nehmen, als derjenige, der sich nicht um Erleuchtung schert. Dies hat damit zu tun, dass Buddha von der Befreiung des Leidens sprach und diese anstrebte; erreicht hat er diese Befreiung aber nicht durch die Verdammung alles Dunklen und Verehrung alles Hellen, sondern durch totale Akzeptanz, von allem, was ist.

Ohne Dunkelheit kein Licht – Ohne Regen keine Ernte –
Ohne Vergänglichkeit keine Sterne – Ohne Oben kein Unten – Ohne Innen kein Aussen.

Was, wenn es das Helle nur geben kann, wenn es das Dunkle gibt, da sich sonst alles Existierende in endlosem Grau verliert? Sind Schmerz, Krankheit, Unkraut und Tod in Retrospektive betrachtet wirklich schlecht? Oder sind sie es, die dem bunten Reigen unseres Lebens den nötigen Kontrast verleihen? Diese Erfahrungen sind sicherlich im Moment der Verarbeitung höchst unangenehm, weswegen unser Hirn die Auseinandersetzung mit ihnen tunlichst meidet. Aber das Universum ist in ewigem Gleichgewicht und gleichzeitig in ständiger Bewegung – ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es in etwas derart Perfektem auch nur ein Staubkorn an Imperfektion gibt.

Vielleicht ist es manchmal gut, das Unkraut ein wenig wuchern zu lassen – wer weiss, welche Heilung es bringt?