Wahrnehmung

Wahrnehmung. Ein Wort, das wir sehr oft benutzen, ohne uns über seine Bedeutung im Klaren zu sein. Ich nehme wahr, was ich für wahr nehme. Meine Wahrnehmung hat also mehr mit mir und meinen inneren Glaubenssätzen zu tun, als mit dem, was von mir wahrgenommen wird. Meine inneren Überzeugungen, schlicht das, woran ich glaube, haben einen viel grösseren Einfluss auf das, was ich wahrnehme, als, wie dieses wirklich ist. Somit hat mein alter Freund Zesi absolut Recht, wenn er sagt, dass ein jeder Mensch in seiner eigenen Realität lebt. Da jeder Mensch einen individuellen Weg beschritten und somit seine eigene Wahrnehmung geformt hat, ist diese Wahrnehmung bei keinen zwei Menschen genau gleich. Klar gibt es die körperlichen Sinne, die als Werkzeuge der Wahrnehmung im Aussen dienen; diese sind jedoch bei jedem anders fein gestimmt.

Die körperlichen Sinne, unsere Fühler im Aussen, sind Empfänger eines Signals; so wie Schmerz ’nur‘ ein Signal ist, das von der Zelle über die Wirbelsäule ans Hirn meldet, dass da was nicht stimmt, sind unsere Sinne Empfänger für Signale aus der Aussenwelt, die dem Hirn helfen zu kalkulieren, wie die Welt um uns herum beschaffen ist. Das Ohr bzw das Trommelfell ist das Instrument, um akustische Signale zu empfangen und weiterzuleiten. Das Auge oder die Pupille ist das Instrument, um visuelle Signale zu empfangen und weiterzuleiten. Der Tastsinn oder die Zellen der Haut sind das Instrument, um haptische Signale zu empfangen und weiterzuleiten, und so weiter. Alle Signale werden in der Schaltzentrale Hirn ausgewertet und zu Information verarbeitet, ähnlich einer mathematischen Gleichung: 1+1=2, ich sehe dich + ich höre dich = du bist da und sprichst. Die Sinne sind also unsere Fühler in der Aussenwelt.

Nun kommen die Gefühle und Gedanken ins Spiel – auch sie sind einzig und allein Signale, um unsere Aufmerksamkeit auf etwas darunterliegendes zu ziehen. Ein ziehender Schmerz in meinem Bein macht mich darauf aufmerksam, dass mein Muskel gezerrt ist. Traurigkeit macht mich darauf aufmerksam, dass etwas in meinem Inneren nicht stimmt. Fröhlichkeit macht mich darauf aufmerksam, dass ich gerade einen schönen Moment erlebe. Gefühle und Gedanken sind also die Fühler im Inneren, die Instrumente, mit denen ich meine innere Bewegung verfolgen und analysieren kann. Wie bei allem in der manifestierten Realität sind die inneren und äusseren Instrumente der Wahrnehmung stets miteinander verbunden; äussere Signale können nach Weiterleitung und Verarbeitung im Gehirn zu Information durchaus eine Reaktion der inneren Instrumente auslösen, genauso wie ein innerlich empfundenes, weitergeleitetes und im Hirn zu Information verarbeitetes Signal eine äussere Reaktion auslösen kann.

Als Kind verspürte meine Freundin Ava eine unbändige Faszination für Hitze. Diese magnetische Anziehung war ein inneres Signal, welches die kleine Ava sogleich äusserlich in die Tat umsetzte, indem sie ihren Zeigefinger auf die heisse Herdplatte drückte. Worauf sich umgehend das äussere Instrument Hautzelle aktivierte und das Signal Schmerz an ihr Gehirn sandte, wo es in Information verarbeitet wurde, welche ein Signal vom Hirn aussandte, welches Ava ihren Finger wieder von der Herdplatte wegziehen liess. Ihre Fingerkuppe war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits so stark verbrannt, dass bis heute kein Abdruck, keine Furchen in der Haut zu sehen sind. Sie kann mit dieser Fingerkuppe bis heute nichts fühlen – zu vollständig wurden die sensorischen Zellen im Gewebe damals zerstört. Sie wird also nie ganz genau so mit ihren Händen wahrnehmen, wie ich dies ohne verbrannte Fingerkuppe tue.

Dasselbe geschieht mit unseren inneren Fühlern, wenn wir traumatische Erlebnisse zu verarbeiten haben. Je nachdem wie tiefgreifend das Erlebnis war, kann es Narben im Inneren hinterlassen, die unsere Wahrnehmung stark verändern – bis wir sie uns bewusst machen und so transformieren. Je jünger wir sind, desto offener ist unsere Wahrnehmung. Als Kind ist unser Herz weit und unbeschwert. Irgendwie ironisch, dass wir genau dann, in dem Stadium, in dem wir hoffentlich inneren Schmerz als solches noch nicht kennen, am gemeinsten sind. Es gibt fast nichts fieseres als ein Kind, dass noch nicht weiss, welchen Schmerz seine Handlungen in Anderen auslösen können. Wenn wir als Kind traumatisierenden Erlebnissen ausgesetzt sind, werden diese Erfahrungen unsere Wahrnehmung stärker beeinflussen, als wenn wir sie als Erwachsene erleben.

Ava zum Beispiel hatte jahrelang Angst vor Feuer. Nicht mal sie selbst wusste so genau, weshalb. Eines Tages nahm ihre Mutter sie mit zu einem Feuerlauf. Das ist ein Ritual, bei dem man über glühende Kohlen geht – mental vorher so gestärkt, dass die Hitze einem nichts anhaben kann. Natürlich musste Ava nicht am Ritual teilnehmen; ihre Mutter wollte nur herausfinden, was es mit dieser Angst vor Feuer genau auf sich hatte. Kaum waren sie mit den anderen Teilnehmenden auf dem Ritualplatz versammelt, wurde der Feuerweg entzündet. Alsbald die Hitze der Flammen die Teilnehmer erreichte, rannte Ava um ihr Leben. Immer tiefer in den Wald hinein rannte sie, getrieben von blinder Angst. Plötzlich hörte sie in sich eine Stimme; „Weg von der Hitze. Jetzt. Sofort. Schmerz. Neugierde schmerzt. Ich will nichts mehr wissen, nichts mehr sehen, nichts mehr lernen – es wird sowieso weh tun!“ Erstaunt hielt sie inne. Drehte sich zu ihrer Mutter um, die ihr gefolgt war, und wiederholte die inneren Worte laut. „Mama… Kann es sein, dass sich die Hitze dieser Herdplatte damals nicht nur in meine Haut eingebrannt hat? Da ist etwas in mir, und es fühlt sich an wie die verbrannte Haut meines Fingers. Es zieht sich vor Angst zusammen, wenn ich an Hitze denke, und löst Panik in mir aus.“

Hier hat also ein Erlebnis, das äusserlich passiert ist, nach der Verarbeitung im Hirn zu Information innerliche Signale ausgelöst. Da die inneren Instrumente einfacher zu betäuben oder nicht wahrzunehmen sind, ist es oft ein wenig schwieriger, den ihnen zugrunde liegenden „Fehlprogrammierungen“ auf die Schliche zu kommen. Ich schreibe Fehlprogrammierung in Anführungs- und Schlusszeichen, da es sich einerseits um eine Fehlprogrammierung der abgespeicherten Information handelt (Beispiel Ava: als Kind hat ihr Unterbewusstsein Neugierde = Schmerz, Hitze = Horror abgespeichert. Dies ist aber nur ein Teil der Wahrheit; Neugierde kann schmerzliche, aber auch sehr lehrreiche Momente kreieren. Hitze kann töten, aber die Wärme des Feuers lässt uns den kalten Winter überleben.), andererseits ist dieses falsche Programmieren von Informationen auf Seiten des Gehirns oft notwendig, um unsere Aufmerksamkeit auf die Programmierbarkeit unserer Wahrnehmung zu lenken.

Denn wenn ich erkenne, dass alles, was ich wahrnehme, in erster Linie die Interpretation meines Gehirns von inneren und äusseren Signalen ist, und dann dem Gehirn bei der Arbeit genauer über die Schulter schaue, kann ich ziemlich viel an meiner Realität verändern, ohne eine einzige Bewegung im Aussen zu tun. So werde ich von der Marionette zum Puppenspieler, vom Sklaven zum Meister meiner Realität.